Aufbruch in Nubien Ahmed und ein Tag am Nil – Von Helge Sobik

Nubien-01:als ob sie seit einer Ewigkeit im Einsatz ist: die alte Nilfähre von Karima mit ihrem offenen Steuerhaus

Der Muezzin ruft, Wasserpfeifen gurgeln, Tamburine scheppern – in Nubien ist der Alltag seit Jahrhunderten unverändert. Fast. Denn nach langem Bürgerkrieg beginnt der Norden des Sudans, in die Moderne zu starten. Auch Ahmed, der Fährmann, muss umlernen.

Dienstag, 02.04.2013   06:05 Uhr

Er ist hier am Ufer und auf dem Wasser alt geworden und weiß, das sich der Fluss in all den Jahren nie wirklich verändert hat – vom Hochwasser im späten Frühling und dem Niedrigwasser im Herbst abgesehen. Ahmed ben Hamid macht seit über 40 Jahren das Gleiche: Noch bei Dunkelheit geht er von seinem Zuhause in Karima zum Nil, steigt an Bord und macht seine Flussfähre klar für die erste Morgenabfahrt um 7 Uhr.

Er hat die Zeiten gekannt, als die meisten Fahrzeuge an Bord noch von Eseln oder Mulis gezogen worden. Ein paar Jahre ist das erst her. Heute sind es Geländewagen, Mini-Laster aus chinesischer Fertigung und uralte Busse, die sich auf dem schmalen Fahrweg zwischen den Palmen hindurch zum Anleger vorkämpfen und auf seine betagte Nilfähre rollen.

Wenn er sich das erste Mal am Tag hinter das große Holzrad im offenen Führerhaus stellt, steigt die Sonne gerade über die Häuser, Tempelruinen und spitzwinkeligen Pyramiden nicht weit von hier am Djebel Barkal. Der Muezzin begrüßt den Morgen und ruft zum Gebet in den Dörfern am Fluss: mitten in einer Region, über die einst die Pharaonen herrschten und die noch heute Nubien heißt – und zum Sudan mit all seinen Problemen gehört.

Der Nordsudan modernisiert sich rasant

Ein paar Dutzend Mal wird die Fähre wie jeden Tag in kaum fünfminütiger Fahrt über den stillen Nil pendeln. Wie seit einer halben Ewigkeit. Und ein bisschen sieht es hier noch heute aus, als wäre der Fortschritt vor langer Zeit angehalten worden. Die Menschen auf den Feldern des fruchtbaren Uferstreifens arbeiten mit keinen anderen Hilfsmitteln als in der Epoche der Pharaonen.

Dabei ist die Zeit nun im Begriff, wieder anzulaufen. Der Nordsudan holt rasant auf. Staudämme und Wasserkraftwerke entstehen, Straßen werden asphaltiert, verbreitert. Strommasten werden gesetzt und Leitungen gelegt, wo lange niemand Elektrizität kannte und die meisten gut ohne sie auskamen.

Der neue Ölreichtum, um den sich der Norden und der erst seit kurzem unabhängige Südsudan blutige Kämpfe geliefert haben, macht es möglich. Aus dem schwarzen Gold soll Geld werden. Und als erstes wird dafür in die Infrastruktur investiert. China schenkt dem Sudan manches Bauprojekt als Entwicklungshilfe, und oft werden sogar die Arbeiter aus Fernost entsandt. Im Gegenzug wollen sich die Asiaten für ihre rohstoffhungrige Industrie den Zugriff auf Bodenschatzvorkommen sichern – und ganz nebenbei auch Absatzchancen für ihre Waren.

Es kann sein, dass Ahmed ben Hamid bald umlernen und sich an eine neue Fähre gewöhnen muss. Weil das Geld plötzlich für eine große Brücke reicht wie jene weiter flussaufwärts zwischen der Hauptstadt Khartum und Omdurman am Zusammenfluss von Blauem und Weißem Nil. Die Vergangenheit wird herausrenoviert werden. Über Nacht kann das nicht geschehen, und doch geht es rasend schnell. Eine Region jahrhunderte-, manchmal jahrtausendelangen Stillstands verändert gerade ihr Gesicht.

„Willkommen im Sudan“

Auch deshalb tauchen erste Fremde auf organisierten Rundreisen hier auf, kehren in neuen Dorfhotels ein oder zelten am Rande der Siedlungen. Sie kommen, obwohl es für etliche Teile des riesigen Landes Reisewarnungen gibt, von denen eigentlich nur diese Region ausgenommen ist. Sie kommen trotz des Ölstreits mit dem Süden und des immer wieder aufflackernden Bürgerkriegs in Darfur ganz im Westen des Landes. Sie kommen, weil es ein wenig komfortabler geworden ist, hier zu reisen.

Sie bummeln über Märkte wie in der Provinzstadt Shendi und sind dort selber die Attraktion. Jeder Händler will die Reisenden aus Europa per Handschlag begrüßen. Mancher legt die eigene Hand aufs Herz, lächelt und verbeugt sich leicht. „Ihr seid hier willkommen“, soll das heißen. Und einer, der Englisch kann, sagt: „Welcome to Sudan.“ Jeder Fremde, sagt er, stoße das Fenster ein Stück weit auf.

Tourismus ist möglich geworden, seitdem sich das einstmals größte Land Afrikas nach langem Bürgerkrieg in Nord und Süd getrennt hat. Und die beiden Staaten ein Abkommen über eine Teilung der Öleinkünfte geschlossen haben. Der Reichtum an archäologischen Schätzen gerade des Nordens ist enorm: Es sind die 2500 Jahre alten Pyramiden von Meroe und die Tempel von Mussawarat, weswegen die Touristen eigentlich kommen. Es sind die von deutschen Archäologen ausgegrabene Widder-Sphinghen-Allee von Naga, der Amun-Tempel am Djebel Barkal und die Pyramiden von Nuri.

Hibiskustee und Wasserpfeifentabak

Das alte Nubien bekommen sie als Zugabe, die Eindrücke vom Treiben auf den Märkten, vom Oasenfeldbau mit einfachsten Mitteln, die Musik auf Tamburinen und aus flötenartigen Instrumenten beim Dorffest. All die Szenen am Wasser, all das Winken der Leute, die vielen lächelnden Gesichter. Darfur ist über tausend Kilometer weit weg, und mancher Ausländer hat mehr darüber gelesen als die Menschen hier am Fluss.

Am Morgen ist es milde und noch frisch am Nil. Manche Einheimische tragen einen dünnen Schal zu ihren weiten weißen Gewändern. Mittags, wenn die Sonne am Himmel brät, scheint Wasserdampf aufzusteigen, es riecht nach stark gezuckertem Hibiskustee und Wasserpfeifentabak. Abends, an einem von Hundertausenden Tagen nach dem Ende der Pharaonenzeit, kühlt Nubien wieder ab.

Ein Angler hockt noch am Ufer, die anderen sind längst gegangen, Ahmed ben Hamid hat vor Stunden Feierabend gemacht. Er muss früh aufstehen am nächsten Morgen. Wie immer schon.

Bei Spiegel Online

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